Das Fachwerk-Rathaus von 1484 machte Michelstadt weltberühmt.

Die Geschichte der Stadt Michelstadt

Es ist anzunehmen, dass die ersten Bewohner unserer Gegend die Kelten waren, zumal der Name des Flüsschens Mümling – an dem Michelstadt liegt – keltischen Ursprungs ist. Ebenso ist durch Bodenfunde und einige Hügelgrabreste eine frühe Besiedlung (ca. 800-500 v. Chr.) unserer Heimat nachgewiesen.

Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung besetzten die Römer den Odenwald und sicherten das eroberte Gebiet durch Kastelle und eine Grenzwehr, den Limes. Im Stadtteil Vielbrunn können Sie die originalgetreue Rekonstruktion eines Römischen Wachturms besichtigen. Einst dienten hier, entlang des Limes, Legionäre der 22. Römischen Legion – Standort Mainz – zur Wahrung der Weltmachtstellung des Römischen Reiches im germanischen Land. Zur Versorgung der Limesbesatzung entstanden die ersten Gutshöfe und Steinbauten. Um die Mitte des 3. Jahrhunderts wurden die Römer von den Alemannen aus unserem Gebiet verdrängt. Diese wiederum wurden gegen Ende des 5. Jahrhunderts von den aus dem Norden vordringenden Franken besiegt und vertrieben. Es entstanden fränkische Verwaltungen und Siedlungen.

Urkunde von 1541: Graf Georg verleiht Michelstadt Wappen und Siegelrecht.

Die Stadtgründung

Gegen Ende des 7. Jahrhunderts wurde unsere Gegend durch den Missionar Kilian zum Christentum bekehrt. Nach ihm ist eine Quellkirche am Waldrand außerhalb der Stadt benannt. Ebenso ist unsere Stadtkirche dem Hl. Kilian geweiht. 741 erfolgte die Ersterwähnung unserer Stadt in einer Schenkungsurkunde an den Bischof Burkhard von Würzburg. Darin wird unsere Gemeinde „Michlinstat“ genannt. Nach dem Tode des Bischofs ging Michelstadt vermutlich wieder an die fränkische Königskrone zurück. Im Jahre 815 dann erfahren wir Genaueres über Bewohner und Baulichkeiten unserer Stadt: Einhard, der Vertraute und Biograph Karls des Großen, bekommt die Mark Michelstadt mit allem was dazu gehört geschenkt. Diese Urkunde ist im Lorscher Codex erhalten und schildert plastisch die Grenzen des Gebiets mit den teilweise heute noch existierenden Ortsnamen, die Anzahl der Hörigen und das Vorhandensein einer Holzkirche. Von einer basilica modica lignea im Orte Michlinstat im Odonewalt spricht der Urkundentext.

Die karolingische Einhardsbasilika im Stadtteil Steinbach.

Die Anfänge der Stadt

827 erbaut Einhard, der im Odenwald seinen Altersruhesitz aufschlagen wollte, die Steinbacher Basilika, die heute zu den ältesten noch erhaltenen karolingischen Bauwerken nördlich der Alpen zählt.

Nach Einhard wird das Kloster Lorsch zum Eigentümer der Mark Michelstadt und unter seinem Abt Gerbodo (951-972) wird eine Burg, die heutige Kellerei, erbaut, und in den Urkunden ist fortan von einem „castellum michlinstat“ zu lesen. Nach dem Zerfall des Klosters Lorsch ging der Besitz unserer Gegend an das Erzbistum Mainz. In jahrelangen Streitigkeiten zwischen Kurmainz und dem südlichen Nachbarn Kurpfalz wird auch Michelstadt 1307 vollkommen zerstört. Nutznießer des Konfliktes zwischen Mainz und der Kurpfalz war ein Adelsgeschlecht, das sich nach seiner Burg ‚von Erbach‘ nannte.

Diesen Herren und späteren Schenken zu Erbach gelang es, eine eigene Territorialherrschaft zu begründen, und sie auch waren es, die den Wiederaufbau Michelstadts mit Toren und Ringmauer ab 1390 veranlassten. Leider wurden die Stadttore im 19. Jahrhundert als Verkehrshindernisse abgerissen, was zu kurz gedacht war, denn mit seinen drei Tortürmen könnte Michelstadt sicher heute das Odenwälder Rothenburg genannt werden. Immerhin aber sind noch die Stadtmauer mit einigen Türmen, sowie ringsum eine doppelte Wallgrabenanlage vorhanden.

Der Michelstädter Wunderrabbi Seckel Löb Wormser (1768-1847).

Das Zentrum im Odenwald

Durch die Jahrhunderte und durchaus noch bis heute behauptet diese Stadt eine Stellung als bürgerlich-kultureller und wirtschaftlicher Schwerpunkt des hessischen Odenwaldes. Grundlage dafür waren in früherer Zeit gräfliche Privilegien wie   Markt-, Mauer- und Selbstverwaltungsrechte. In jüngerer Zeit siedelten sich dann noch einige Behörden und Institutionen an, wie Konsistorium (= Dekanat), Amtsgericht, Forstamt, Gymnasium und Finanzamt. Michelstadt war also durch Handwerk und Kaufmannsstand sowie Behörden stark bürgerlich geprägt, wohingegen das benachbarte Erbach mehr den Charakter einer kleinen Residenz mit Niederadel (Burgmannenhäuser im Städtel) und Dienerpräsenz hatte. Deshalb auch gab es in Erbach keine Juden, Michelstadt aber hatte eine florierende Judenschaft, ja sogar um 1830 eine kleine rabbinische Hochschule unter Leitung des noch heute unter Juden weltbekannten Seckel Löb Wormser.
Die geschichtliche Bedeutung Michelstadts spiegelt sich in seinen Baudenkmalen wider. Davon seien die markantesten, in der Altstadt gelegenen Zeugnisse kurz vorgestellt:

Die Kellerei ist der älteste Teil von Michelstadt.

Die Kellerei: Keimzelle der Stadt

Dem Alter nach beginnen wir mit der sogenannten Kellerei. Sie war vermutlich der Wohnsitz Einhards. Es folgte ein Umbau durch den Lorscher Abt Gerbodo, und auch danach blieb sie Hauptbollwerk der ganzen Siedlung. Nach der Zerstörung von 1307 und anschließendem Wiederaufbau wird sie seit 1532 nur noch als Kellerei bezeichnet und diente als Residenz der Grafen zu Erbach, später auch als Verwaltungssitz von gräflichen und staatlichen Behörden. Der Name Kellerei würde sich heute am einfachsten mit Finanzamt erklären lassen, denn die Naturalabgaben an den Grafen wurden eingekellert. Auch die Realschule war im 19. Jahrhundert dort untergebracht. Zur Anlage gehört der Diebsturm, der schon 950 n. Chr. bestand. Seit 1312 war der Turm Gefängnis der Zent Michelstadt, daher der Name.

Die Stadtkirche entstand in der Spätgotik.

Die evangelische Stadtkirche

Die Stadtkirche in ihrer heutigen Form geht auf das Jahr 1461 zurück. Mit Errichtung des Turmes wurden die Bauarbeiten 1537 abgeschlossen. Durch mehrere Grundsteine und Jahreszahlen, die am Bau innen und außen angebracht sind, werden die verschiedenen Stationen der Erbauung und Vervollständigung belegt. Im Inneren der Kirche sind zahlreiche Grabdenkmäler und Epitaphien der gräflichen Familie zu bewundern. Es handelt sich um prachtvolle bildhauerische Werke in den verschiedensten Stilen der Kunstgeschichte. Bis in die jüngste Zeit wurden Angehörige des Grafenhauses noch in der Gruft bestattet. Natürlich diente der Platz rund um die Kirche in mittelalterlicher Zeit auch als Friedhof. 

Balken am Rathaus mit dem Erbauungsjahr 1484 in gotischen Ziffern.

Das historische Rathaus

Das Michelstädter Rathaus zählt zu den schönsten und bedeutendsten Fachwerk-bauten Deutschlands und ist weltbekannt. Es soll sogar Kopien davon in Brasilien und Japan geben. Von unbekannten Baumeistern wurde es 1484 erstellt. Am Rathaus selbst ist das Erbauungsdatum in gotischen Ziffern festgehalten. Zum Amüsement der Michelstädter lesen viele Touristen 1888 und die Amerikaner, die angesichts auch dieser Jahreszahl ausrufen: „how old is this building!“ können sich eben schwer vorstellen, dass dieses Rathaus acht Jahre vor der Entdeckung Amerikas erbaut ist. In der offenen Halle tagte einst das Zehntgericht, und im Obergeschoss, in der „großen Stube“, fanden die Sitzungen des „Ehrbaren Rates“ statt.

Vor dem Rathaus befindet sich der Marktplatz und dort der im Renaissance-Stil erbaute Marktbrunnen. Graf Georg II., zu Erbach stiftete 1575 diesen schönsten der zahlreichen Michelstädter Brunnen. Der Brunnenstock wird gekrönt von einer Figur des Hl. Michael mit Waage und Schwert, was biblisch gesehen natürlich den Seelenwäger darstellt, auf einem Marktplatz aber durchaus in profanem Sinne als Wächter über die guten Sitten bei Handel und Wandel verstanden werden kann.

Dir Löwenhofreite entstand in der Barockzeit.

Die Löwenhofreite und Schwiegermütterbrunnen

Ebenfalls auf dem Marktplatz befindet sich das barocke Anwesen des Löwenhofes. Die Löwenhofreite wurde 1755 von dem gräflichen Marsch-Commisar und Steinbacher Schlossmüller Johann Nicolaus Friedrich erbaut. Nach dem Erwerb des Anwesens durch den Stadtschultheiß Johann Ludwig Nees, richtete dieser im Gasthaus „Zum goldenen Löwen“ eine Posthalterei von Thurn und Taxis ein. Das Gasthaus bot den Reisenden Übernachtungsmöglichkeiten und der sehenswerte Innenhof mit seinen Ställen und von Löwenreliefs gezierten Remisen konnte Pferde und Postwagen aufnehmen.

Der älteste Brunnen Michelstadts steht in der Großen Gasse und stammt aus dem Jahre 1541. Im Volksmund heißt er Schwiegermütterbrunnen, wegen der vierfachen Wappenzier aus der Verwandtschaft des Erbauers. Graf Georg I. lässt sein eigenes Wappen, das der Ehefrau (Pfalz), dasjenige der Schwiegermutter (Baden) und das seiner Mutter (Wertheim) anbringen. Der Volksmund fasste salopp alle Damen zu Schwiegermüttern zusammen, weil sie in einem weiteren Sinne ja auch alle Schwiegermütter waren.

Die Synagoge beherbergt das Dr. I. E. Lichtigfeld-Museum, ein kleines Judaika-Museum.

Die Michelstädter Synagoge

Die Synagoge wurde 1791 gebaut in einer etwas abgelegenen Ecke der Altstadt, aber innerhalb der Stadtmauer. Die Michelstädter Judenschaft war die größte jüdische Gemeinde des Odenwaldes. An dieser Synagoge lehrte von 1822-1847 der Rabbiner Seckel (Isaak) Löb Wormser, bekannt als Baal-Schem (Wundermann) von Michelstadt. In der sogenannten Reichskristallnacht 1938 wurde die Synagoge geplündert und verwüstet. Eine Brandstiftung unterblieb wegen der Enge in der Gasse und der nahen Fachwerkhäuser in der Altstadt. Heute dient das Bauwerk als kleines Museum in der seit 2005 wieder zum Gotteshaus geweihten Synagoge.