Nicolaus-Matz-Bibliothek (Kirchenbibliothek)
Die Bibliothek wurde im Jahr 1499 als kommunale Einrichtung für jeden Michelstädter Bürger, "der da gelehrt ist", von dem aus Michelstadt stammenden Theologen und Seelsorger Nicolaus Matz (um 1443-1513) gestiftet. Nach dem Studium in Wien (1455-1469) wechselte Matz an die Universität Freiburg im Breisgau, wo er als Professor, Rektor und Bibliothekar wirkte. 1478 trat er in den Dienst des Bischofs von Speyer. In der Domstadt verstarb er im November 1513.
Die Stiftungsurkunde nennt 117 gebundene Bücher. Bei 31 der vorhandenen 161 Inkunabeln (Drucke aus dem 15. Jh., auch Wiegendrucke genannt) und einigen Handschriften wird Matzische Provenienz konkret angenommen, bei ein paar weiteren vermutet. Die übrigen Bücher der Stiftung sind nicht mehr erhalten.
Entsprechend dem frommen Stiftungszweck, der "Verkündigung durch die Predigt", findet sich neben sonstiger theologischer Literatur besonders spätmittelalterliche Predigtliteratur der Dominikaner als Grundstock der Bibliothek. Diese wurde in den folgenden Jahrhunderten durch sehr umfangreiche Schenkungen vornehmlich 1663 und 1789 aus dem gräflich-erbachischen Hause sowohl quantitativ als auch qualitativ in mehreren Fachrichtungen bedeutend vergrößert.
Die Bibliothek war lange Zeit im Kirchturm der Stadtkirche aufgestellt. Bis zum Jahr 1982 blieb die Bibliothek an diesem Ort, wo es zugig war und die Bücher feucht wurden. Seither ist sie in einem Raum in der ehemaligen Thurn- und Taxis-Postscheune gut gelagert und gesichert untergebracht.
Der Bestand an Drucken umfasst 161 Inkunabeln sowie ca. 4375 Drucke aus dem 16., 17., 18. und 19. Jh. Ein guter Teil davon stammt aus dem 16. Jh. (zwei Drittel davon aus der ersten Jahrhunderthälfte), viele aus dem 17. Jh., etwas weniger aus dem 18. Jh. und nur etwa hundert aus dem 19. Jh. Damit verfügt die Nicolaus-Matz-Bibliothek (Kirchenbibliothek) im Vergleich zu anderen evangelischen Kirchenbibliotheken in Deutschland über einen der größten Bestände an alten Drucken. Der Bestand ist nicht nur groß, sondern mit außergewöhnlich vielen seltenen und rund 35 anderswo nicht nachweisbaren Drucken aus dem 16. und 17. Jh. auch bedeutend.
Hinzu kommen 13 umfangreiche, reichhaltige Handschriftenbände aus dem späten Mittelalter sowie etwa ein gutes Dutzend Handschriften aus dem 16., 17. und 18. Jh. Über die Hälfte des Buchbestandes ist auf Lateinisch verfasst, insbesondere Bücher aus dem 15. und 16. Jh., die übrigen Bücher zumeist auf Deutsch, etliche aber auch auf Französisch, Italienisch, Altgriechisch und Hebräisch, außerdem ein einziges auf Englisch.
Im Vordergrund stehen Bücher theologischen Inhalts (zum größten Teil aus auffällig verschiedenen Glaubensrichtungen innerhalb des Protestantismus): Bibeln, Bibelkommentare, patristische, kirchenrechtliche, exegetische, dogmatische, katechetische und kontroverstheologische Schriften (diese v.a. aus der Reformationszeit), Predigten, Erbauungsbücher, Gesangbücher. Etwa sechshundert Bücher sind anderen Fachrichtungen zuzuordnen: Klassische Philologie, Philosophie, Rhetorik, Geschichte, Länderkunde, Jurisprudenz, Medizin und Naturwissenschaften.
(Auszüge aus: Handbuch der historischen Buchbestände, Bd. 6, 1993, ergänzt und aktualisiert 2026)
Kontakt
Dr. Berthold Brohm
Marktplatz 1
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